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(LWI 10-07-2008) “Kirche ist da, wo man Menschen begegnet”


From "Dirk-Michael Grötzsch" <dmg@lutheranworld.org>
Date Mon, 27 Oct 2008 23:00:38 +0100

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>“Kirche ist da, wo man Menschen begegnet”

Europaeische KirchenleiterInnen besuchen Gemeindeaufbauprojekt
auf der Ostseeinsel Ruegen

Bergen-Rotensee (Ruegen/Deutschland)/Genf, 27. Oktober 2008
(LWI) - Bei der Ankunft auf der Ostseeinsel Ruegen (Deutschland)
eroeffnet sich BesucherInnen ein atemberaubender Anblick. Knapp
1.000 Quadratkilometer vielfaeltiger Naturschauspiele:
Steilkuesten, Nationalparks, feine Sandstraende, einladende
Duenen und mitunter auch tosendes Meer. Die Fahrt ueber die
groesste Insel Deutschlands fuehrt durch malerische, aufwaendig
sanierte Ortschaften. Imposante Kirchengebaeude mit ihren
wertvollen Altaeren und kunstvollen Kirchenfenstern ueben eine
starke Anziehungskraft auf kulturell interessierte TouristInnen
aus. Die Ostseeinsel Ruegen gilt als eines der attraktivsten
Ferienziele Deutschlands. In der Reisezeit ist die Insel jedes
Jahr wieder komplett ausgebucht, wenn mehr als eine Million
TouristInnen Urlaub auf der Insel machen.

Doch es gibt auch Ecken auf Ruegen, da kommen nur die wenigsten
hin: zum Beispiel Bergen-Rotensee. In dieser grauen
Plattenbausiedlung noch aus Zeiten vor der politischen Wende 1989
leben ungefaehr 5.000 Menschen. Die Sanierungsarbeiten beginnen
nur langsam. 19 Prozent der Bevoelkerung sind arbeitslos, 20,8
Prozent leben an der Armutsgrenze. Fast alle BewohnerInnen sind
mit ihrer Wohnsituation unzufrieden. 

So sieht zumindest statistisch betrachtet das Arbeitsumfeld von
Pfarrer Mathias Thieme aus. Seit Anfang 2007 leitet er die
Projektstelle fuer Gemeindeaufbau in Bergen-Rotensee, die der
Kirchenkreis Stralsund eingerichtet hat, damit Kirche den
Menschen in ihrem Alltag begegnen kann. Zehn Prozent der
EinwohnerInnen Rotensees haben eine kirchliche Bindung und von
diesen suchen nur die wenigsten den Kontakt zur Kirche. “Die
Menschen zu erreichen, die kirchlich distanziert sind oder in
deren Lebenskonzept die Kirche gar keine Rolle spielt, ist fuer
mich eine der groessten Herausforderungen”, erlaeuterte Thieme
einer Gruppe europaeischer KirchenleiterInnen waehrend ihres
Besuchs in Rotensee. Im Rahmen der Europaeischen
KirchenleiterInnenkonsultation, die vom 11. bis 16. September in
Greifswald stattfand, hatten die mehr als 90 Tagungsteilnehmenden
die Gelegenheit, einen Einblick in das kirchliche Leben in der
nordoestlichen Region zu bekommen und im Rahmen einer Exkursion
mehrere missionarische Projekte auf der Insel Ruegen zu besuchen.

Menschen fuer kirchliche Themen zu interessieren und einen
laengerfristigen Kontakt mit der Bevoelkerung aufzubauen,
empfindet der Pfarrer als schwierig. “In Rotensee ist mir
deutlich geworden, dass wir unseren Verkuendigungsstil neu
ueberdenken muessen. Insbesondere in einem Umfeld, in dem
Menschen weniger an akademischen Vortraegen interessiert sind,
muss die ‘Kirche des Wortes‘ umdenken. Und um christliche
Werte zu vermitteln, muss sie die Menschen ohne grosse Worte
erlebnisorientiert ansprechen”, legte er dar. 

Ein Kirchengebaeude gibt es (noch) nicht, aber seit nunmehr 19
Monaten einen kirchlichen Ansprechpartner vor Ort. “Kirche ist
da, wo man Menschen begegnet und ihnen nahe kommt. Der Ort ist
nicht entscheidend. Das Wichtigste ist, dass ich fuer die
Menschen Zeit habe und dass sie wissen, dass ich ansprechbar
bin”, so Thieme. Deshalb sei er die meiste Zeit des Tages
unterwegs, um Kontakt mit den Menschen aufzubauen. “Ich besuche
sie zu Hause. Manchmal treffen wir uns auch im Park oder im
Nachbarschaftszentrum”, erlaeuterte Thieme seinen
Arbeitsalltag. Daran, dass die Menschen langsam anfangen, das
Gespraech mit ihm zu suchen, koenne er erkennen, dass er
mittlerweile mit seiner Arbeit angekommen sei. 

Es scheint, als ob die aufwaendige Sanierungswelle auf Ruegen
einen Bogen um Bergen-Rotensee gemacht hat. Das froehliche
Treiben an anderen Ort auf der Insel scheint meilenweit entfernt.
“An manchem Tag schlaegt einem die Perspektivlosigkeit
foermlich ins Gesicht”, so der Seelsorger. 

Die hohe Arbeitslosigkeit und Armut “zehren an den Menschen,
rauben ihnen manchmal die Kraft, in die Zukunft zu blicken”,
berichtete Pfarrer. Das werde auch am Ausbildungsweg deutlich.
Und wer es geschafft habe, eine Ausbildung zu absolvieren, finde
im Anschluss oft keine Arbeitsstelle, fuehrte Thieme aus. Geld
fehle in jedem der Haushalte - Geld fuer das taegliche Leben, ja
manchmal zum Ueberleben. “Aus Frust fangen bereits Jugendliche
an, sich zu betrinken”, sagte Thieme. Alkoholmissbrauch sei ein
grosses Problem in Rotensee. Zudem sei die Gewaltbereitschaft
recht hoch, was unter anderem an der mutwilligen Zerstoerung von
Telefonzellen oder Bushaltestellen deutlich werde. Dies habe
seine Ursache wohl darin, dass Jugendliche keinen Treffpunkt in
Rotensee haben.

Die fehlenden finanziellen Mittel fuehrten zudem zu einer
Vereinsamung der Bevoelkerung, beschreibt Thieme die
Lebenssituation vieler Menschen. “Deshalb bin ich den ganzen
Tag unterwegs und besuche die Menschen, die einsam sind. Ich
hoere ihnen zu und manchmal helfe ich einigen auch bei
Behoerdengaengen”, erklaert der Theologe.

Den Menschen in Rotensees einen Ausweg aus der
Perspektivlosigkeit aufzuzeigen, ist das vorrangige Ziel des
Seelsorgers. Hierbei setzt er vor allem darauf, dass das
kirchliche Leben wieder an Bedeutung gewinnt. Voller Freude
berichtete Thieme zum Beispiel ueber die gute Zusammenarbeit mit
der St. Marien-Gemeinde in Bergen und dem Nachbarschaftszentrum
in Rotensee, durch die die Arbeit des Gemeindeaufbauprojekts sehr
profitiere. Viele Begegnungen oder auch Angebote fuer Kinder und
Jugendliche, die er anbiete, faenden in den Raeumen des Zentrums
statt. 

“Der Open-Air-Gottesdienst, den wir im Sommer gefeiert haben,
war ein voller Erfolg. Hundert Menschen feierten mit. Das hatten
wir nicht erwartet. Die Stimmung war einfach gut.” Pfarrer
Mathias Thieme ist begeistert ueber das Interesse an einem der
beiden Gottesdienste, die bisher in Rotensee gefeiert wurden.
Fuer die Zukunft plane er regelmaessige Gottesdienste fuer Kinder
und Jugendliche sowie gemeinsame Gottesdienste mit der Bergener
St. Marien-Gemeinde. Vielleicht dann ja auch nicht mehr im
Nachbarschaftszentrum, sondern in einer Kirche und mit einem
eigenen MitarbeiterInnenstab. (846 Woerter)

(Ein Beitrag von Claudia Schubert von der

Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, die ein
Auslandsvikariat im LWB-Buero fuer Kommunikationsdienste
absolviert.)

>*       *       *

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine Gemeinschaft
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