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Polnische Lutheraner sind Bruecke zu oestlichen Nachbarn
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FRANK.IMHOFF@ecunet.org
Date
30 May 2000 09:14:00
Delegation polnischer Bischoefe besuchte LWB in Genf
Genf, 30. Mai 2000 (LWI) - Die bedeutsame Brueckenfunktion zwischen Ost und
West, die die polnischen Christen waehrend der Zeit des "Eisernen Vorhangs"
einnahmen, wuerdigte der Generalsekretaer des Lutherischen Weltbundes
(LWB), Dr. Ishmael Noko, aus Anlass des Besuches einer Delegation sechs
lutherischer Bischoefe aus Polen beim LWB-Generalsekretariat Mitte Mai in
Genf.
Waehrend eines Mittagessens anlaesslich des Besuchs der polnischen
Delegation, an dem auch der Botschafter der Staendigen Vertretung der
Republik Polens bei den Vereinten Nationen in Genf, Krzysztof Jakubowski,
teilnahm, betonte Noko die gute Zusammenarbeit des LWB mit den polnischen
Lutheranern als auch mit Regierungsorganisationen. Der polnische
Botschafter bestaetigte die Bedeutung gemeinsamer Aktivitaeten gerade im
Hinblick auf humanitaere Hilfe und Menschenrechte. Seine Regierung lege
Wert auf moral-ethische Hinweise christlicher Kirchen und Organisationen.
"Je enger die Zusammenarbeit, umso besser", so Jakubowski. Er sei froh,
dass der Anlass seines ersten Besuches beim LWB in Genf eine Delegation
polnischer Bischoefe sei.
Bischof Jan Szarek, zugleich Vorsitzender des polnischen Oekumenischen
Rates, hob die Bedeutung der Unterstuetzung des LWB fuer das Ueberleben der
Lutheraner in Polen hervor. So sei der LWB die einzige in Westeuropa
ansaessige Organisation gewesen, zu der seine Kirche zur Zeit des "Eisernen
Vorhangs" Kontakt halten durfte. Dies haette dazu beigetragen, sich als
weltweite Familie vereint in Jesus Christus zu fuehlen, so Szarek. Als
Zeichen der Normalitaet wertete der Bischof, dass er ohne Pass- und
Visaformalitaeten nach Genf reisen konnte. Dass lutherische Bischoefe auf
ihren Reisen mit polnischen Botschaftern zusammentreffen, sei noch vor zehn
Jahren undenkbar gewesen.
Den Versoehnungsprozess zwischen Deutschen und Polen bezeichnete Szarek als
eine wichtige Voraussetzung fuer die Mitgliedschaft Polens in der NATO und
die angestrebte Mitgliedschaft Polens in der Europaeischen Union. Dieser
Versoehnungsprozess sei auch ein Verdienst lutherischer Kirchen in
Deutschland und Polen. Die Brueckenfunktion zwischen Ost- und Westeuropa,
die Polen schon waehrend des "Eisernen Vorhangs" eingenommen hatte, wollen
die polnischen Lutheraner auch weiterhin ausueben. Die im
Versoehnungsprozess insbesondere mit Deutschland gesammelten Erfahrungen
sollen an die oestlichen Nachbarn (Russland, Litauen, Weissrussland und
Ukraine) weitergegeben werden. Szarek teilte mit, dass ein Treffen von
Vertretern griechisch-orthodoxer, katholischer und protestantischer Kirchen
der Ukraine mit polnischen und deutschen Kirchen geplant sei.
Als Anliegen des Besuchs der polnischen Bischoefe in Genf bezeichnete
Szarek die Vertiefung der Kontakte zwischen LWB und den polnischen
Lutheranern. Da 1997 auf der Neunten Vollversammlung des LWB in Hongkong
beschlossen worden sei, einmal im Jahr einen Sonntagsgottesdienst dem LWB
zu widmen, halte er es fuer zwingend, dass die dioezesalen Bischoefe den
LWB auch als Organisation kennenlernen. Weiterhin sei geplant und
beschlossen, den LWB-Stiftungsfonds finanziell zu unterstuetzen. So solle
eine allgemeine Spendensammlung durchgefuehrt werden, um einen "kleinen
Baustein" beizutragen. "Wir haben sehr viele Jahre Unterstuetzung erhalten
und jetzt ist die Moeglichkeit, dass wir etwas beitragen fuer die Finanzen
des LWB", so Szarek.
Angesichts des bevorstehenden Ruhestandes des Leitenden Bischofs der
Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen im kommenden Jahr dankte der
LWB-Generalsekretaer Bischof Jan Szarek fuer die intensive Zusammenarbeit.
Er hoffe, so Noko, auf die Fortsetzung dieser Zusammenarbeit mit dem
Nachfolger Szareks. In diesem Zusammenhang regte Noko eine Reise
lutherischer Bischoefe Polens mit einem oekumenischen Team nach Rom an. Ein
offizieller Besuch christlicher Bischoefe aus Polen bei Papst Johannes Paul
II. koenne die Rolle des polnischen Christentums in der Oekumene und die
Bedeutung Polens als Nation in Europa unterstreichen und hervorheben.
Zur Delegation der polnischen Bischoefe vom 13. bis 16. Mai in Genf
gehoerten neben dem Leitenden Bischof, Jan Szarek: Bischof Peter Anweiler,
Teschener Dioezese, Bielsko-Biala; Bischof Ryszard Bogusz, Breslauer
Dioezese, Wroclaw; Bischof Ryszard Borski, Evangelischer Militaerbischof
von Polen, Warschau; Bischof Mieczyslaw Cieslar, Warschauer Dioezese, Lodz;
Bischof Michal Warczynski, Dioezese von Pommern und Grosspolen, Sopot.
Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen hat rund 80.000 Mitglieder,
das sind ca. 0,2% der nahezu 40 Millionen Polen. Ueber 90 Prozent der
polnischen Bevoelkerung gehoeren zur roemisch-katholischen Kirche. Zu den
47 Kirchen, die 1947 den LWB gruendeten, gehoerte auch die
Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen.
Polnische Lutheraner setzen auf Gleichbehandlung der polnischen Regierung
Das Verhaeltnis zwischen Staat und Kirchen muss in Polen laut Verfassung
durch Vertraege geregelt sein, das Verhaeltnis zwischen Staat und
katholischer Kirche durch ein Konkordat. Waehrend die polnischen
Lutheraner noch keinen Vertrag mit der polnischen Regierung abschliessen
konnten, besteht das Konkordat des Staates mit der katholischen Kirche
seit 1998. Zwar regelt seit 1994 ein Kirchengesetz das Verhaeltnis von
Staat und Kirchen in Polen, doch dieses Gesetz hat keinen
Vertragscharakter, betonte Bischof Jan Szarek in Genf. Durch dieses
Gesetz koennen nun Bischoefe ohne staatliche Zustimmung gewaehlt werden,
was vorher unmoeglich war.
Waehrend seines Polenbesuches im April 2000 erhielt der Praesident des
Lutherischen Weltbundes, der Braunschweiger Landesbischof Dr. Christian
Krause, vom Vorsitzenden des Polnischen Parlaments, Maciej Plazynski, die
Zusage, dass die polnische Regierung alle Kirchen gleich behandeln wolle
und Vertraege vorbereitet wuerden. Fuer Bischof Szarek ist ein Vertrag
unverzichtbar, da Gesetze geaendert werden koennen, Vertraege jedoch nicht.
Neue Moeglichkeiten des Engagements der polnischen Lutheraner
Die letzten zehn Jahre sind fuer Bischof Szarek eine "Periode des
Aufbruchs". Die neue Gesetzgebung biete neue Moeglichkeiten des Engagements
der Kirchen, ebenso sei der nun moegliche Zugang zu den Medien eine grosse
Herausforderung und Chance. Voellig neue Betaetigungsfelder liegen in der
Krankenhaus,- Gefaengnis- und Militaerseelsorge.
Nachdem 1994 das Kirchengesetz in Kraft trat, konnten die polnischen
Lutheraner die Strukturen einer Militaerseelsorge aufbauen. Inzwischen gibt
es acht Militaerpfarrer und einen Militaerbischof, Bischof Ryszard Borski,
die im Offiziersrang stehen und vom Staat finanziert werden. Ausser dem
Militaerbischof sind die Militaerpfarrer zugleich Gemeindepfarrer, so soll
gewaehrleistet sein, dass die Seelsorger nicht den Kontakt zu Gemeinden
verlieren und polnische Soldaten und Offiziere auch in Ortsgemeinden
einladen koennen. Fuer Militaerbischof Ryszard Borski ist dieses Modell
eine grosse Missionschance. Nach seiner Schaetzung fuehlen sich rund 70
Prozent der polnischen Offiziere zu einer Kirche gehoerig.
Die gesammelten Versoehnungserfahrungen mit deutschen Christen und
Militaerangehoerigen will Borski nun auch an die oestlichen Nachbarn Polens
weitergeben. Zu Seminaren mit Berufssoldaten sollen auch Offiziere der
oestlichen Armeen eingeladen werden. Die Aengste der russischen Militaers
vor der Osterweiterung der NATO koennen nur durch Vertrauen und Versoehnung
abgebaut werden, so Borski.
Ein weiteres Aufgabenfeld bietet sich den polnischen Lutheranern mit dem
Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Weiterhin stehen zur Zeit vier
Gymnasien, zwei Oberschulen und eine Volksschule unter der Leitung einer
Evangelischen Schulgesellschaft. Auch die diakonische Arbeit befindet sich
im Aufbau. Im Januar diesen Jahres wurde das Diakonische Werk in Polen
gegruendet. Es unterhaelt acht Altenheime mit 350 Bewohnern, neun
Sozialstationen, Beratungsstellen, seit einem Jahr eine grosse
Behindertenschule mit 300 behinderten Kindern und Jugendlichen und seit
einigen Wochen ein Kinderheim.
Neue Moeglichkeiten ergeben sich auch aus der Rueckgabe von Eigentum und
Gebaeuden. Gemeinden bietet sich so die Chance, durch eine gute Vermarktung
und Vermietung finanzielle Unterstuetzung fuer ihren Haushalt zu
erwirtschaften. 60 Prozent der Gemeinden benoetigen noch immer eine
Beihilfe der Kirchenleitung und groessere Bauprojekte koennen zur Zeit von
der polnischen Kirche nicht aus eigener Kraft realisiert werden, sie bleibt
weiter auf finanzielle Unterstuetzung angewiesen.
Einladung zur Abendmahlsgemeinschaft
Im Verhaeltnis zwischen den katholischen und lutherischen Kirchen in Polen
beobachtet Bischof Szarek ein neues Klima. Anlaesslich der Bestaetigung der
Gemeinsamen Erklaerung zur Rechtfertigungslehre habe am 29. Oktober 1999 in
Katowice ein Dankgottesdienst und im Dezember 1999 in der Kathedrale in
Warschau ein Gottesdienst zu Rechtfertigung stattgefunden. Noch vor neun
Jahren sei sein Vorschlag, eine gemeinsame Dialogkommission zwischen der
katholischen und der lutherischen Kirche zu gruenden, auf nur wenig
Interesse gestossen, so Szarek. Nun sei die Antwort positiv ausgefallen und
bereits eine Kommission berufen worden. Wann eine volle
Abendmahlsgemeinschaft erreicht werden koenne, laesst sich auch fuer Szarek
nur schwer abschaetzen. Im Blick auf konfessionsverschiedene Ehen sei ein
Fortschritt aber dringend noetig. Die Aufforderung von LWB-Praesident
Krause, den Weg zur "eucharistischen Gastbereitschaft" zu ebnen,
bezeichnete Szarek als guten Anfang fuer die notwendige Diskussion. Als
Erfolg wertete Szarek den Beschluss aller im Oekumenischen Rat der Kirchen
in Polen zusammengeschlossenen Kirchen ueber die gegenseitige Anerkennung
der Taufe, auf den sich die Kirchen Anfang des Jahres verstaendigt hatten.
* * *
Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine Gemeinschaft lutherischer Kirchen
weltweit. 1947 in Lund (Schweden) gegruendet, zaehlt er inzwischen 128
Mitgliedskirchen, denen knapp 59,5 der weltweit 63,1 Millionen Lutheraner
und Lutheranerinnen in 70 Laendern angehoeren. Das LWB-Sekretariat befindet
sich in Genf (Schweiz). Das ermoeglicht eine enge Zusammenarbeit mit dem
Oekumenischen Rat der Kirchen (OeRK) und anderen weltweiten christlichen
Organisationen. Der LWB handelt als Organ seiner Mitgliedskirchen in
Bereichen gemeinsamen Interesses, z. B. oekumenische Beziehungen,
Theologie, humanitaere Hilfe, Menschenrechte, Kommunikation und
verschiedene Aspekte von Missions- und Entwicklungsarbeit.
Die LUTHERISCHE WELT-INFORMATION wird als Informationsdienst des
Lutherischen Weltbundes (LWB) herausgegeben. Veroeffentlichtes Material
gibt, falls dies nicht besonders vermerkt ist, nicht die Haltung oder
Meinung des LWB oder seiner Arbeitseinheiten wieder. Die mit "lwi"
gekennzeichneten Beitraege koennen kostenlos mit Quellenangabe abgedruckt
werden.
***
Lutherische Welt-Information (lwi)
Deutsche Redaktion: Dirk-Michael Groetzsch
E-mail: dmg@lutheranworld.org
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