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Weltsozialforum: Ist die Dalit-Frage ein lokales oder ein
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"Frank Imhoff" <FRANKI@elca.org>
Date
Fri, 30 Jan 2004 13:35:05 -0600
Weltsozialforum: Ist die Dalit-Frage ein lokales oder ein internationales
Problem?
Menschenrechtsnetzwerke fordern Regierungen und Vereinte Nationen zu
verstaerktem Vorgehen gegen Kastendiskriminierung auf
Mumbai (Indien)/Genf, 30. Januar 2004 (LWI) - Als eine Vertreterin des
Lutherischen Weltbundes (LWB) auf dem Vierten Weltsozialforum (WSF) vom 16.
bis 21. Januar im indischen Mumbai ueber die Bemuehungen des LWB sprach,
Gewalt gegen Frauen weltweit zu bekaempfen, fragte ein junger Mann aus Indien
erstaunt, ob sexuelle Gewalt gegen Dalit-Frauen nicht nur ein lokales Problem
sei.
"Im indischen Kastensystem wird die Vergewaltigung einer Dalit-Frau durch
einen Mann der hoeheren Kasten gesellschaftlich gerechtfertigt. Warum sollte
das ein internationales Problem sein?", fragte David Rajkumar Lawrence aus
Chennai (Indien) und bezog sich dabei auf zahlreiche Berichte ueber die
Vergewaltigung von Dalit-Frauen durch Maenner, die hoeheren Kasten
angehoeren.
Priscilla Singh, LWB-Referentin fuer Frauen in Kirche und Gesellschaft (FKG),
erklaerte, dass das LWB-Arbeitsdokument "Kirchen sagen *Nein' zur Gewalt
gegen Frauen" die Ueberzeugung des LWB und seiner Mitgliedskirchen,
einschliesslich der indischen Kirchen, zum Ausdruck bringe, dass Gewalt gegen
Frauen weltweit eine Realitaet in Gesellschaft und Kirche sei. "Dazu gehoert
auch die sexuelle Gewalt gegen Dalit-Frauen", betonte sie.
In Indien ist das Kastensystem verantwortlich dafuer, dass ein Fuenftel der
Gesamtbevoelkerung aufgrund ihres Berufs und ihrer Abstammung ausgeschlossen
und marginalisiert wird. Die Dalits stehen auf der untersten Stufe der
gesellschaftlichen Hierarchie und werden von der uebrigen Bevoelkerung vom
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen. Das
Kastensystem behindert die allgemeine Wahrnehmung der buergerlichen,
politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, die in der
indischen Verfassung garantiert sind. Die Dalits haben keinen Zugang zu
Bildung, Beschaeftigungsmoeglichkeiten, Tempeln, Hotels und Geschaeften. In
Teestuben duerfen sie nicht aus denselben Tassen trinken wie die Angehoerigen
anderer Kasten. Die Dalits muessen Arbeiten verrichten, die nach allgemeiner
Anschauung unrein machen, und werden selbst als unrein angesehen. Sie werden
zu erniedrigenden Arbeiten gezwungen, wie der Reinigung von Latrinen, bei der
sie angetrocknete mensc
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liche Exkremente mit den Haenden abkratzen muessen. Auf dem Land arbeiten
viele Dalits in sklavenaehnlichen Verhaeltnissen und sind im Teufelskreis der
sogenannten Schuldknechtschaft gefangen.
Internationale Organisationen leisten Lobbyarbeit bei der
UN-Menschenrechtskommission, aber "das ist nicht genug"
Die Dalit-Frage stand auf dem WSF in Mumbai im Mittelpunkt eines gut
besuchten Seminars zur Zukunft der Dalits und aehnlicher Gruppen, das vom
Internationalen Dalit-Solidaritaetsnetzwerk (IDSN) organisiert worden war.
Einer der PodiumsteilnehmerInnen, Peter Prove, Assistent des
LWB-Generalsekretaers im Bereich Internationale Angelegenheiten und
Menschenrechte, erlaeuterte, welche Anstrengungen verschiedene internationale
Organisationen und Netzwerke, einschliesslich des LWB, unternehmen, um die
Weltoeffentlichkeit ueber die Lage der Dalits zu aufzuklaeren und dieser
Frage insbesondere im Menschenrechtssystem der Vereinten Nationen mehr
Gewicht zu verleihen. Er wies darauf hin, dass der Versuch der Weltkonferenz
gegen Rassismus, die 2001 in Durban (Suedafrika) stattgefunden hatte,
gescheitert sei, eine Erklaerung zur Diskriminierung "aufgrund von Beruf und
Abstammung", ein Ausdruck, der sich auf Kastendiskriminierung und aehnliche
Formen der Diskriminierung bezieht, abzugeben.
Die UN-Menschenrechtskommission, so Prove, habe einen Sonderberichterstatter
fuer Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit
zusammenhaengende Intoleranz ernannt, "aber wir sagen ganz klar, dass das
nicht genug ist". Die Kommission und die internationale Gemeinschaft muessten
Regierungen, einschliesslich der Regierung Indiens, nachdruecklich
auffordern, das Problem der fortdauernden Diskriminierung aufgrund der
Kastenzugehoerigkeit anzuerkennen und dagegen anzugehen und bestehende
Gesetze voll anzuwenden, um das Recht auf Gleichheit und Freiheit fuer alle
Menschen, die unter dieser fest verwurzelten Form von Ausgrenzung leiden,
Wirklichkeit werden zu lassen.
In einem Interview mit der Lutherischen Welt-Information (LWI) erklaerte
Vincent Manoharan, eines von zwei Dalit-Mitgliedern im indischen
WSF-Organisationskomitee und Initiator der Nationalen Kampagne fuer die
Menschenrechte der Dalits (NCDHR), dass die indische Verfassung die Praxis
der "Unberuehrbarkeit" de facto verbiete. Das Parlament habe 1955 das Gesetz
ueber den Schutz der Buergerrechte erlassen, das im Falle von
Zuwiderhandlungen Ordnungsstrafen vorgesehen habe. Aufgrund der
Unzulaenglichkeit dieses Gesetzes sei 1989 das sogenannte Gesetz zu
"Scheduled Castes" und "Scheduled Tribes" (Vorbeugung gegen Graeueltaten)
erlassen worden, wobei seine Veroeffentlichung jedoch erst 1995 erfolgt sei.
Unter dem neuen Gesetz seien besondere Gerichte eingerichtet worden, aber bis
heute kaeme es in weniger als 1 Prozent der angezeigten Faelle zu einer
Verurteilung. Trotz des formellen Rechtsschutzes, der den Dalits gewaehrt
werde, haben ihre diskriminierende Behandlung weiterhin end
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mische Ausmasse und die meisten Straftaten gegen Dalits blieben ungesuehnt,
sagte Manoharan. Er wies jedoch darauf hin, dass im indischen Parlament 117
von 544 Abgeordneten Dalits seien.
Fuer die schaetzungsweise 200 Millionen Dalits in Indien bleibe das WSF ein
wichtiges Forum, um Fragen anzusprechen, fuer die die NCDHR und ihre
internationalen Partner sich engagierten, betonte Manoharan. "Die
wirtschaftliche Globalisierung ist fuer die Dalits so etwas wie ein
doppellaeufiges Gewehr: das Kastensystem und die Unberuehrbarkeit stellen
unser Menschsein in Frage, waehrend die Globalisierung und der Kapitalismus
unser wirtschaftliches Ueberleben gefaehrden und uns weiter an den Rand
draengen", erklaerte er.
Das 2000 eingerichtete IDSN ist ein Netzwerk nationaler
Solidaritaetsnetzwerke aus betroffenen Laendern und internationalen
Organisationen, die sich gegen Kastendiskriminierung und aehnliche Formen von
Diskriminierung aufgrund von Beruf und Abstammung einsetzen. Es fuehrt
Kampagnen gegen Kastendiskriminierung durch, unter der die Dalits in
Suedasien, die Burakumin in Japan, die Sab (niedere Kaste) in Somalia, die
Angehoerigen der Berufskasten in Westafrika sowie andere leiden. Die
Internationalisierung der Dalit-Frage schliesst die Gruendung nationaler
Dalit-Solidaritaetsnetzwerke (DSNs) ein, die es gegenwaertig bereits in
Daenemark, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Schweden, dem
Vereinigten Koenigreich und den Vereinigten Staaten von Amerika gibt. Deren
Ziel ist es, die Kastenfrage weltweit ins Bewusstsein der Oeffentlichkeit zu
rufen, neue Solidaritaetsgruppen aufzunehmen, Lobbyarbeit bei Regierungen und
den Vereinten Nationen zu leisten; Dalit-Solidaritaetsnetzwe
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ke in anderen Laendern aufzubauen.
"Ganz sicher ist fuer die schaetzungsweise 260 Millionen Menschen, die
weltweit aufgrund ihres Berufs und ihrer Abstammung diskriminiert werden,
eine andere Welt moeglich", betonte Manoharan in Anlehnung an das Thema des
WSF 2004.
Der Initiator der NCDHR ist Mitglied der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen
Kirche und hat im Tamil Nadu Theological Seminary Befreiungstheologie
studiert. (943 Woerter)
* * *
Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine Gemeinschaft lutherischer Kirchen
weltweit. 1947 in Lund (Schweden) gegruendet, zaehlt er inzwischen 136
Mitgliedskirchen, denen rund 61,7 Millionen der weltweit rund 65,4 Millionen
LutheranerInnen in 76 Laendern angehoeren.
Das LWB-Sekretariat befindet sich in Genf (Schweiz). Das ermoeglicht eine
enge Zusammenarbeit mit dem Oekumenischen Rat der Kirchen (OeRK) und anderen
weltweiten christlichen Organisationen. Der LWB handelt als Organ seiner
Mitgliedskirchen in Bereichen gemeinsamen Interesses, z. B. oekumenische und
interreligioese Beziehungen, Theologie, humanitaere Hilfe, Menschenrechte,
Kommunikation und verschiedene Aspekte von Missions- und Entwicklungsarbeit.
Die LUTHERISCHE WELT-INFORMATION (LWI) wird als Informationsdienst des
Lutherischen Weltbundes (LWB) herausgegeben. Veroeffentlichtes Material gibt,
falls dies nicht besonders vermerkt ist, nicht die Haltung oder Meinung des
LWB oder seiner Arbeitseinheiten wieder. Die mit "LWI" gekennzeichneten
Beitraege koennen kostenlos mit Quellenangabe abgedruckt werden.
* * *
LWI online unter: www.lutheranworld.org/News/Welcome.DE.html
LUTHERISCHE WELT-INFORMATION
Postfach 2100, CH-1211 Genf 2, Schweiz
Deutsche Redaktion: Dirk-Michael Groetzsch
Tel.: +41-22-791-6353
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