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Indonesien: Uebergang zur Demokratie erfordert neue soziale,
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"Frank Imhoff" <frank_imhoff@elca.org>
Date
Mon, 23 Aug 2004 07:03:23 -0500
Indonesien: Uebergang zur Demokratie erfordert neue soziale, religioese
und politische Uebereinstimmung
Christlich-muslimisches LWB-Studienteam erforscht Herausforderungen des
Zusammenlebens
Yogyakarta (Indonesien)/Genf 21. August 2004 (LWI) - "Religioes zu sein,
bedeutet im heutigen Indonesien, interreligioes zu sein." So lautete die
Botschaft, die die Mitglieder eines Studienteams des Lutherischen
Weltbundes (LWB), das sich mit christlich-muslimischen Beziehungen
befasst, waehrend ihrer Tagung vom 4. bis 14. Juni in Yogyakarta in der
indonesischen Provinz Zentral-Java wiederholt hoerten.
Seit dem Fall der Suharto-Diktatur 1998 ist in Indonesien sowohl bei
ChristInnen als auch bei MuslimInnen ein zunehmender Trend zum
Fanatismus zu beobachten. Aber traditionelle Ansaetze zur Erarbeitung
interreligioeser Loesungen kommen ebenfalls immer oefter zur Anwendung,
erfuhr das LWB-Studienteam in Gespraechen mit Fuehrungspersoenlichkeiten
aus Religion, Politik und Gesellschaft. Die zehn Mitglieder des Teams,
ChristInnen und MuslimInnen aus Daenemark, Indonesien, Nigeria und den
USA, trafen auch Einzelpersonen und Gruppen in Medan, Nordsumatra und
der indonesischen Hauptstadt Jakarta.
In Indonesien "ist das gemeinsame Kulturgut der Nation wichtiger als
ihre vielfaeltigen religioesen Auspraegungen", erklaerte Prof. Dr. Amin
Abdullah, Mitglied des LWB-Studienteams, der einer der groessten
islamischen Universitaeten Indonesiens als Praesident vorsteht. Obwohl
die seit 50 Jahren geltende Staatsideologie Pancasila die Religionen
Buddhismus, Christentum, Hinduismus und Islam akzeptiere, saehen die
meisten IndonesierInnen einen dringenden Bedarf an Basisinitiativen zur
Verbesserung der Beziehungen zwischen Religionen und Volksgruppen, so
Abdullah. Angesichts fehlender staatlicher Kontrollen, argumentierte er,
seien die wiederholten religioesen Uebergriffe symptomatisch fuer die
Probleme aufgrund der neuen Freiheiten in Indonesien, einem Archipel mit
240 Millionen EinwohnerInnen, wovon sind 87 Prozent MuslimInnen, etwa
zehn Prozent ChristInnen und drei Prozent Hindus und BuddhistInnen sind.
Der wiederholte Ruf nach Einsetzung des islamischen Gottesrechts
(Scharia) beunruhigt ChristInnen wie MuslimInnen. "Pfarrer und
Pfarrerinnen fragen: Wollen sie Christen und Christinnen zu Muslimen und
Musliminnen machen?" bemerkte Prof. Dr. Jamilin Sirait, Mitglied des
Studienteams und Dekan des Theologischen Instituts der
Protestantisch-Christlichen Batak-Kirche auf Nordsumatra. Die Menschen
fuerchteten, dass ChristInnen unter der Scharia zu BuergerInnen zweiter
Klasse herabgesetzt wuerden, so Sirait.
In Indonesien vertreten viele MuslimInnen die Ansicht, die Scharia
wuerde dem Land im Kampf gegen die ueberhand nehmende Korruption und
Armut helfen. Studien zu den moeglichen Auswirkungen des islamischen
Gottesrechts weisen jedoch darauf hin, dass eine realistische
Einschaetzung der Konsequenzen meist fehlt. Vielen ist auch nicht
deutlich, wie sich die indonesische Scharia von der Praxis in anderen
Laendern unterscheiden wuerde. Mitglieder von Rahima, einer
Basisorganisation von AktivistInnen mit Sitz in Jakarta, teilten dem
Studienteam mit, dass sie ihre Dorfworkshops fuer Frauen mit der Frage
beginnen wuerden: "Wie wird sich Ihre Stellung und Ihre
Bewegungsfreiheit veraendern, wenn die Scharia Ihr Leben bestimmt?"
Agus Purnomo, Regionalleiter der islamischen Gerechtigkeitspartei PKS,
erklaerte, seine Partei trete nicht mehr fuer die Scharia ein. "Das kam
einem politischen Selbstmord gleich", berichtete er dem Studienteam.
"Was wir wollen, ist nur, dass die Regierung islamische Werte vertritt.
Wir haben Methoden aus der christlichen Befreiungstheologie uebernommen
und Basisgemeinschaften gebildet, die den Menschen helfen, ihre
politischen Rechte zu erkennen und bereit zu sein, dafuer zu kaempfen",
erlaeuterte er.
Das auf Sumatra ansaessige "Forum der ReligionsfuehrerInnen fuer
Harmonie", ein Podium fuer monatlich stattfindende Gespraeche zu
interreligioesen Fragen, berichtete dem Studienteam, eine Ursache
interreligioeser Auseinandersetzungen sei der Trend zum Fanatismus
sowohl bei ChristInnen als auch bei MuslimInnen. Als Beispiel nannten
sie den Bau von Kirchen inmitten vorwiegend von MuslimInnen bewohnten
Doerfern durch evangelikale Missionsgruppen, der zu Empoerung bei den
MuslimInnen und zur Zerstoerung von Kirchen fuehre. Manche MuslimInnen
betrachteten auch die Verwendung arabisch-islamischer Grussworte durch
ChristInnen als eine Bedrohung fuer ihre religioese Identitaet.
Waehrend des Treffens in Yogyakarta, dem Sitz des renommierten Instituts
fuer interreligioesen Dialog in Indonesien (Interfidei), wurden die
Mitglieder des Studienteams ZeugInnen vielversprechender Anzeichen fuer
den Dialog zwischen den mannigfaltigen Glaubensgemeinschaften des
Landes. Wie die Landeszeitung Tempo berichtete, wurde im Norden
Yogyakartas eine neue Kultstaette errichtet, wo Glaeubige verschiedener
Religionen ihre Gebete fuer die Nation in ihrer jeweiligen
Glaubenstradition darbringen koennen.
Dieser Uebergang von staatlicher Kontrolle zur Demokratie sei nicht
einfach, versicherte der indonesische Gesellschaftskritiker Bakhtiar
Effendi in seiner Rede im Vorfeld der ersten direkten
Praesidentschaftswahlen am 5. Juli. "Indonesien hat eine vielschichtige
Krise zu bewaeltigen", erklaerte er. "Wir muessen unseren Staat neu
gestalten und eine neue soziale, religioese und politische
Uebereinstimmung erreichen."
Das christlich-muslimische LWB-Studienteam wird von Pfr. Dr. Ingo
Wulfhorst, Studienreferent fuer die Kirche und Menschen anderer
Glaubensrichtungen der LWB-Abteilung fuer Theologie und Studien,
geleitet. Das Studienteam plant auf der Grundlage eines Treffens im
letzten Jahr in Daenemark, des Besuchs in Indonesien sowie eines noch
bevorstehenden Treffens in diesem Jahr in Afrika die Vorstellung der
Ergebnisse der insgesamt dreijaehrigen Untersuchungen im kommenden Jahr
bei einer internationalen Konsultation. Anschliessend sollen
Arbeitsmaterialien zum Thema veroeffentlicht werden. (753 Woerter)
* * *
Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine Gemeinschaft lutherischer
Kirchen weltweit. 1947 in Lund (Schweden) gegruendet, zaehlt er
inzwischen 136 Mitgliedskirchen, denen rund 62,3 Millionen der weltweit
knapp 66 Millionen LutheranerInnen in 76 Laendern angehoeren.
Das LWB-Sekretariat befindet sich in Genf (Schweiz). Das ermoeglicht
eine enge Zusammenarbeit mit dem Oekumenischen Rat der Kirchen (OeRK)
und anderen weltweiten christlichen Organisationen. Der LWB handelt als
Organ seiner Mitgliedskirchen in Bereichen gemeinsamen Interesses, z. B.
oekumenische und interreligioese Beziehungen, Theologie, humanitaere
Hilfe, Menschenrechte, Kommunikation und verschiedene Aspekte von
Missions- und Entwicklungsarbeit.
Die LUTHERISCHE WELT-INFORMATION (LWI) wird als Informationsdienst des
Lutherischen Weltbundes (LWB) herausgegeben. Veroeffentlichtes Material
gibt, falls dies nicht besonders vermerkt ist, nicht die Haltung oder
Meinung des LWB oder seiner Arbeitseinheiten wieder. Die mit "LWI"
gekennzeichneten Beitraege koennen kostenlos mit Quellenangabe
abgedruckt werden.
* * *
LWI online unter: www.lutheranworld.org/News/Welcome.DE.html
LUTHERISCHE WELT-INFORMATION
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